Opfern, schmausen, feiern: eine indische Hochzeit

Gerrit Kurtz, Februar 2015

Das Brautpaar

Das Brautpaar

Wenn ich Freunden erzählte, dass ich zu einer Hochzeit in Indien eingeladen sei, erntete ich neidisches Staunen und Bewunderung. Wie kaum ein anderes Ereignis, außer vielleicht wie ein Basar, erzeugen Erzählungen über indische Hochzeiten bei vielen Menschen in Europa ein Bild einer opulenten, zauberhaften und ausschweifenden Feier. Tagelange Gelage, mit hunderten von Gästen, großen Banketten, bunten Kleidern und exotischen Tieren.

Andere denken bei Hochzeiten in Indien an Kinderehen, Mitgift und arrangierte Partnerschaften. Etwa 7% der indischen Mädchen unter 18 Jahren sind verheiratet. Mitgiften sind seit 1961 offiziell verboten, erfreuen sich aber weiterhin großer Beliebtheit. Die Zeitungen und Magazine hier sind voll mit „matrimonials“, Hochzeitsanzeigen von Familien, die ein passendes Gegenstück zu ihrer Tochter und ihrem Sohn suchen, und Agenturen bieten die Suche nach der richtigen Kaste an.

All das ist Indien, und ist es nicht. Die gängigen Beschreibungen klingen fremd und weit entfernt, nicht nur in geographischer Hinsicht. Fest steht, dass es sehr lehrreich ist, einer indischen Hochzeit beizuwohnen. Jede Erfahrung ist speziell und erlaubt naturgemäß nur geringe Schlüsse über ein allgemeines Phänomen. Doch mir scheint, dass so manche Begebenheit, die ich im folgenden beschreibe, typisch ist für die Kräfte, welche dieses Land heute treiben.

Ein Teil des Festgeländes

Ein Teil des Festgeländes

Als ich nachmittags auf dem Festgelände in Aligarh, zwei Zugstunden von Delhi entfernt im Bundesstaat Uttar Pradesh, ankam, begrüßte mich der Bräutigam. Ich hatte Rakesh und Promila letztes Jahr an der Uni in Delhi kennen gelernt, wo sie beide in Volkswirtschaftslehre promovieren. Arbeiter bauten zwei Bühnen und unzählige Essensstände auf, während die bereits anwesenden Familienmitglieder gerade zu Mittag aßen, denen Rakesh mich unverzüglich vorstellte. Neben den Aufbauten bestand das Gelände hauptsächlich aus einer Wiese, die zu einer Seite überdacht war und von einem begrünten Zaun gesäumt war. In einer Ecke stand eine Art Pavillon, und eine zweistöckige Galerie mit einer Handvoll von Räumen bot die Möglichkeit, zwischendurch zu ruhen und die Kleider zu wechseln.

Als die Sonne untergegangen war, nahm die Zeremonie ihren Lauf. Traditionell beginnt diese mit dem fröhlichen Einzug des Bräutigams und seiner Familie. Da Rakesh nicht aus dem mehrere hundert Kilometer entfernten Dorf, wo seine Eltern leben, einziehen konnte, stellten wir diesen Zug nach. Wir begannen etwa fünfhundert Meter vom Festgelände entfernt auf der geschäftigen Straße. Rakesh, mittlerweile im beigefarbenen Scherwani mit Turban gekleidet, nahm auf einer bunt geschmückten Kutsche Platz. Davor formierte sich der Festzug mit etwa 30 bis 40 Personen. An der Spitze fuhr ein Wagen mit großen Lautsprecherboxen, welche von einer Band mit Trommeln und Trompeten ergänzt wurde. Das Ziel schien ein möglichst großer Lärm zu sein. Eingerahmt wurde der Zug von einer doppelten Reihe von großen altmodischen Leuchtern, wie man sie im London der vorletzten Jahrhundertwende vermuten würde. Statt mit Gas wurden diese jedoch elektrisch beleuchtet und von jeweils einer Person getragen.

Kaum setzte sich der Zug in Bewegung, begannen die jungen männlichen Mitglieder wie wild zu tanzen. Ein Trompeter heizte der Menge ordentlich ein, während manche Gäste sich kurzzeitig einer Trommel oder einer Pauke bemächtigten, um selbst zum großen Krach beizutragen. Schnell zog unser Zug Schaulustige an, insbesondere etwa ein halbes Dutzend Straßenkinder, welche ausdruckslos jenseits der Leuchten die Vorgänge beobachteten. Schnell wurde klar, worauf sie achteten. Trompeter und Gäste schmissen Bündel von Geldscheinen (10 Rupien-Noten, etwa 14 Euro-Cent) in die Höhe über die tanzenden Männer. Während die rosafarbenen Scheine zu Boden segelten, stürzten die vielleicht sechs- bis zehnjährigen Kinder darauf zu. Mit wilder Entschlossenheit warfen sie sich auf den Boden, um einen herumflatternden Schein zu ergattern. Einigen Gästen gefiel das gar nicht. Sie traten und stießen die Kinder weg, jenseits des zwischen den Leuchtern laufenden elektrischen Kabels. Der Stimmung taten diese Begebenheiten, die sich wahrscheinlich zehnmal wiederholten, keinen Abbruch – die Männer tanzten weiter, während zu ihren Füßen sich die Kinder um die Geldscheine rissen. Als ich die Kinder freundlich anlächelte, raunte ein Freund des Bräutigams mir ins Ohr: Sprich nicht mit diesen Kindern und halte dich von ihnen fern. Die Straßenkinder gehörten eindeutig nicht zu der Gesellschaft, mit der man sich identifizieren wollte.

ausgelassener Hochzeitszug

ausgelassener Hochzeitszug

Unterdessen kam der Zug an seinem Ziel an. Zum Schluss musste der Bräutigam noch einmal mittanzen, bevor wir über eine bunt geschmückte Einfahrt wieder das Festgelände betraten. Dieses hatte sich mittlerweile mit externen Gästen gefüllt, die begannen, sich am reichhaltigen Buffet gütlich zu tun. Neben dem Eingang tanzten bereits einige zu lauten Beats.

Für den Bräutigam ging es aber erst mal noch nicht weiter. Zuerst war eine kleine Opferzeremonie vorgesehen, zusammen mit den beiden Priestern und dem Vater der Braut. Dazu setzten sie sich auf den Boden am Eingang des Geländes, während sich um sie herum eine kleine Traube von Familienmitgliedern bildete. Wie bereits bei einer ähnlichen Zeremonie vor dem Einzug, bei der Rakesh seinen Scherwani und einige Bündel Geldscheine erhalten hatte, diente diese Zeremonie der rituellen Übergabe der Mitgift (oder der Geschenke der Brautfamilie). Der entscheidende Teil wird wohl heute auch überwiesen, aber zumindest symbolisch sollte das Materielle nicht fehlen. Jetzt übergab Promilas Vater Rakesh den Schlüssel zum Auto, das er ihnen schenkte. Die Mantras der Priester mischten sich mit dem Geplärre der Tanzfläche. Wie das Geld übernahm Rakeshs älterer Bruder als ältester Familienvertreter die Gaben in Empfang und Verwahrung. Das Brautpaar teilte mir übrigens später mit, dass beide erst noch fahren lernen müssten. Für die ersten Tagen wollten sie sich einen Chauffeur nehmen, sagte Rakesh.

Die Braut wird hereingetragen

Die Braut wird hereingetragen

Gegen neun Uhr abends, das Fest war im vollen Gange, wurde die Braut in einer Sänfte reingetragen. Promila trug einen rötlichen Sari mit goldenen Streifen und war über und über mit Schmuck behängt. Auf einer extra für diesen Teil der Zeremonie errichteten drehenden Bühne trafen sich nun endlich Braut und Bräutigam. Unter Jubel und Applaus legten sie sich gegenseitig den traditionellen Blumenkranz um. Dazu wurde ein Lied über Sita und Rama gespielt, dem Paar der indischen Mythologie schlechthin.

Das Ramayana, eines der wichtigsten antiken Heldenepen Indiens, erzählt ihre Geschichte. Der Dämonenkönig Ravena raubt darin die schöne Sita und bringt sie nach Sri Lanka (Frauenraube sind Europäern kulturgeschichtlich ja auch bestens bekannt, man denke nur an Helena und Paris). Rama, stolzer Königssohn, sichert sich die Unterstützung des Affengotts Hanuman und seiner Affenarmee, mit deren Hilfe er Sita aus den Fängen von Ravena befreit. Doch als Sita, die in Ravenas Gefangenschaft nie von ihrem Räuber angefasst werden konnte, sich Rama näherte, weigerte dieser sich, sie anzunehmen. Er habe sie lediglich befreit, um die Familienehre wiederherzustellen, aber niemand könne von ihm erwarten, mit einer Frau zusammen zu sein, die so lange in eines fremden Mannes Haus gelebt habe. Verzweifelt sieht Sita keinen anderen Ausweg als sich dem Feuer hinzugeben. Doch das Feuer verschlingt sie nicht, sondern der Feuergott Agni attestiert Rama Sitas ungebrochene Reinheit. Erst nach diesem Test nimmt Rama sie wieder an und kehrt mit ihr in die Königsstadt zurück. Ramas und Sitas Heimkehr feiern Hindus jedes Jahr an Diwali, dem wichtigsten Familienfest hier. Seither gilt die unterwürfige, reine, treue Sita als das Idealbild der indischen Frau – gleichwohl indische Feministinnen versucht haben, die Geschichte modern umzudeuten.

Während die Feier in Aligarh weiterging, verfolgten Rakesh und Promila die Geschehnisse von der Hauptbühne, wo sie über eine Stunde lang gefilmt und mit einer nicht endenden Reihe von gratulierenden Gästen abgelichtet wurden. Gegen kurz vor elf verließen schließlich die meisten Gäste das Festgelände und nur die Familie und einige Freunde blieben. Nun durfte auch das Brautpaar, an einer großen Tafel und von einem goldenen Teller (wir bekamen nur Silbergeschirr). Nach dem Essen gab es eine etwa halbstündige Pause zum Ausruhen. Die Priester, mit denen ich mir das Zimmer mit den anderen männlichen Freunden von Rakesh teilte, nutzten die Zeit, um noch mal die astrologischen Daten zu prüfen. Denn jetzt sollte die eigentliche Hochzeitszeremonie folgen, und da kam es auf die günstige Uhrzeit an.

Die Umrundung des Feuers, der wichtigste Teil der Hochzeitszeremonie.

Die Umrundung des Feuers, der wichtigste Teil der Hochzeitszeremonie.

Für diese Zeremonie versammelten sich die restlichen Gäste in einem angrenzenden Pavillon. Es war mittlerweile ziemlich kalt geworden – sicher nicht mehr als zwölf Grad. An den Wänden lagen Matratzen aus, und jeder nahm sich eine gebrauchte Decke, um sich warmzuhalten – und so mancher nickte während der über dreistündigen Prozedur auch mal ein. Da war aber völlig normal und kein Zeichen mangelnder Aufmerksamkeit. In der Mitte saßen drei Priester, welche das Verfahren leiteten, zusammen mit Rakesh und dem Vater der Braut. Die Priester stimmten eine Reihe von vedischen Mantras an, welche zu den frühesten und wichtigsten hinduistischen Texten gehören. Die aktuelle Forschung geht wohl davon aus, dass diese um 1500 v. Chr. entstanden. Die Priester leiteten Rakesh und den Promilas Vater bei den Opfergaben von Blumen an – jeder Schritt der Zeremonie wurde begleitet von einer kleinen Geldspende, quasi die Bezahlung der Priester (oder zumindest eine Art Trinkgeld).

Ich verstand von alldem ziemlich wenig, aber die Hochzeitsgesellschaft konnte kaum besser folgen. Schließlich waren die Gesänge alle in uraltem Sanskrit, das heute kaum noch jemand versteht. Das Ritual schien aber verschiedene Elemente zu umfassen. Irgendwann kam Promila auch wieder dazu, und hier wird ihr Vater sie übergeben haben, nicht unähnlich der christlich-westlichen Tradition. Familienmitglieder machten Witze mit den Priestern, „das ist Teil des Zeremoniells“, wie mir ein Onkel Promilas verriet. Im folgenden wichtigsten Schritt entzündeten die Priester schließlich ein Feuer; Rakesh und Promila banden die Enden ihrer Kleidung aneinander und umkreisten das Feuer siebenmal. Dabei rezitierten die Priester die feierlichen Schwüre, und nach der letzten Umkreisung waren die beiden verheiratet. Es war etwa halb vier.

***

„Ich verstehe nicht, warum so viele an den alten Ritualen festhalten. Niemand versteht, was die Priester singen,“ sagte ein Freund Rakeshs zu mir. Wir befanden uns auf der Rückfahrt nach Delhi; wie es die Tradition gebietet waren wir noch unter den Sternen, also vor Sonnenaufgang, aufgebrochen. Rakeshs Bruder hatte einen kleinen Bus gemietet für die Familie und Freunde, die bis zuletzt dabei gewesen waren. Das Hochzeitspaar fuhr im eigenen Auto. Die nächsten Tage würde Rakeshs Familie zusammen mit dem Hochzeitspaar in der Wohnung des Bruders auf dem Gelände der Uni in Delhi verbringen, wo er Englisch unterrichtet. Promila, so hatte mir Rakesh vorher erzählt, dürfe in den ersten Tagen nach der Hochzeit nicht in die Öffentlichkeit, solange die kunstvollen Henna-Bemalungen ihrer Hände und Arme noch sichtbar wären. Später wollten die beiden noch in das Dorf von Rakeshs Familie in Bihar fahren, um den Segen der lokalen Götter einzuholen.

„Jetzt wird sich viel verändern“, sagte Rakesh, als ich ihn zum Abschied in Delhi traf. Ich versuchte herauszufinden, was er genau meinte: Promila und er würden in den nächsten Monaten sich auf die Fertigstellung ihrer Doktorarbeiten konzentrieren und noch nicht zusammen ziehen. „Man hat jetzt eine andere Verantwortung, in der Familie“ entgegnete er. Ob er will oder nicht, seine gesellschaftliche Umgebung erwartet von ihm jetzt eine andere Rolle. Promila ist jetzt Teil seiner Familie. Wenn sie ihre Eltern besuchen will, muss sie ihren Ehemann erst um Erlaubnis fragen – deswegen sei es für sie ein richtiger Abschied gewesen in der Nacht nach der Hochzeit, hatte sie mir gesagt.

Soziale Erwartungen für Religion und Familie, moderne Karrierewege, ein schnelllebiger, bisweilen brutaler Materialismus und ein Gesellschaftssystem voller Ungleichheit und tradierter Rollenbildern prägen das Leben von 1,2 Milliarden Inderinnen und Inder. Mit einer Mischung aus Bewunderung, Befremdung und Respekt frage ich mich, wie sie diese krassen Gegensätze jeden Tag meistern.

High Tea in den Wolken

Während häufig geradezu lächerlich schlechtes Wetter meinen Aufenthalt in Darjeeling im Sinne des Wortes vernebelte, konnte ich dennoch mit der höchsten Eisenbahn Indiens fahren, prunkvolle buddhistische Klöster besuchen und vor allen Dingen reichlich herausragenden aufgebrühten Tee aus der unmittelbaren Umgebung genießen.
Darjeeling4Alle, die in den Bergen leben, haben es natürlich verinnerlicht, genauso wie jede_r Kletter_in – das Wetter am Berg ist unberechenbar. Während die Online-Wettervorhersage von Sonnenschein bei angenehmen zwanzig Grad gesprochen hatte, empfing mich nasskalter Nebel bei meiner Ankunft in Darjeeling. Von hier, am Fuße des östlichen Himalaya, sollte man einen wunderbaren Ausblick auf den höchsten Berg Indiens (und dritthöchsten Berg weltweit), den Kanchenjunga, haben. Majestätisch, mit breiten Schultern sollte er sich über dem mit grünen Teeplantagen übersäten Tal erheben. Doch das konnte ich nur aus den zum Verkauf angebotenen Postkarten erschließen. Die Stadt war in der Regel vollkommen in Wolken eingehüllt, so dass die Sicht häufig unter hundert Meter lag. Die Einwohner bestätigten zwar, dass dies sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit sei, aber andere Reisende berichteten auch, dass das Wetter in den letzten drei Wochen nur äußerst selten besser gewesen sei. So war an ausgedehnte Wanderungen nicht zu denken, gleichwohl die Stadt auch so Beschäftigungsmöglichkeiten bot. Entschleunigung war also unweigerlich.

Darjeeling ist die international sicher bekannteste indische Hill Station, welche die Briten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichteten, um der schwülen Hitze Kalkuttas, des damaligen kolonialen Regierungssitzes, zu entkommen. Der Marktplatz und einige alt eingesessene Hotels verraten den früheren Charakter als viktorianischer Erholungsort noch. Mittlerweile ist die Stadt jedoch stark gewachsen und kann den Einwohnern und Touristen nur noch unzureichend mit ihren engen, steilen Straßen sowie akuten Wasserengpässen Herr werden. Die meisten westlichen Touristen sind Bagpacker, die sich auf ihrem Weg zu sich selbst (und durch Indien) meist gerade auf dem Weg in die wirklichen Berge in Sikkim im Norden Darjeelings befinden.

Der auf ca. 2.200 m gelegene Bergort im Norden Westbengalens liegt gleichzeitig in einem strategisch äußerst bedeutsamen Gebiet. Nur wenige Dutzend Kilometer misst der indische Staat an seiner dünnsten Stelle hier, eingezwängt zwischen Nepal und Bangladesch. In diesem schmalen Streifen verläuft die einzige Verbindung des abgelegenen Nordostens mit dem Hauptgebiet Indiens. Die mittlerweile sieben Bundesstaaten (mit Assam als dem größten unter ihnen) sind nach wie vor deutlich schlechter entwickelt als der Durchschnitt des Landes und vielfach von bewaffneten Aufständen durchzogen. Die indische Armee kann hier weitgehend von öffentlicher Kontrolle entledigt agieren, was auch in jüngster Zeit wieder zu starken Protesten geführt hat.

Darjeeling2Im friedlichen Darjeeling ist davon kaum etwas zu spüren. Separationstendenzen lassen sich jedoch auch hier beobachten. Darjeeling ist so etwas wie die Hauptstadt von „Gurkhaland“, dem Land der Gurkhas. Die Gurkhas sind ursprünglich aus Nepal eingewanderte Inder, deren kollektive Identität stark durch die Kolonialherrschaft geprägt wurde, nicht zuletzt als Hilfstruppen der britischen Armee in den Weltkriegen. In den 1980er Jahren bildeten sich Freiheitsbewegungen der Gurkhas heraus, welche, auch mit Gewalt, einen eigenen Bundesstaat für sich forderten. Der damalige indische Premier Rajiv Gandhi konnte jedoch eine weitere Aufsplitterung des indischen Bundesstaates mit der Einrichtung eines Regionalrats für die Gurkhas verhindern. Nachdem die Hauptakteure der Gurkha-Freiheitsbewegung (Gurkha National Liberation Front) sich gut im parlamentarischen System eingerichtet hatten, wurden diese jedoch durch eine neue Bewegung (Gorkha Jana Mukti Morcha) 2007 ersetzt, welche den Forderungen neuen Schwung verlieh. Die allgegenwärtigen Schilder und Plakate für ein eigenständiges Gurkhaland vermitteln ebenfalls diesen Eindruck.

Darjeeling5Wie auch im Westen des Himalaya in Shimla haben die Briten die Hill Station nicht nur durch eine sich in steilen Serpentinen nach oben schlängelnde Straße erschlossen, sondern auch durch eine Schmalspurbahn. Dieser „Toy Train“ ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. Für die etwa 70 Kilometer von der Talstation nach oben braucht er gemütliche sieben bis acht Stunden. Zurzeit ist aber wegen Erdrutschen nur ein kleiner Teil befahrbar. Die indische Eisenbahn bietet speziell für Touristen dreimal täglich einen „Joy Ride“ ins sieben Kilometer entfernte Ghum an, den höchsten Bahnhof Indiens (2438 m). Wenn möglich, wird diese Fahrt sogar noch mit Dampflokomotiven durchgeführt – bei mir musste jedoch eine Diesellokomotive ausreichen.

Darjeeling3In Ghum, wie auch in Darjeeling selbst, liegen herrliche buddhistische Klöster, die sich abseits der engen Gassen auftun. Viele der Gurkhas sind Buddhisten, die den Dalai Lama als geistiges Oberhaupt verehren, wie die Tibeter. Über und über bemalte Tempelräume der Klöster zeigen wilde Dämonenfratzen, welche die zentrale Buddhastatue einrahmen. Während die in rot-gelbe Gewänder gekleideten Mönche auf den Märkten spazieren gehen oder den Klängen ihres iPods lauschen, finden sich in den spärlich beleuchteten Gebetsräumen gern auch meditierende westliche Touristen – auch eine Art kultureller Austausch.

Vor allem ist Darjeeling aber die Königin des Teeanbaus. An jeder Ecke im Zentrum kann man die Erzeugnisse der über 80 einzelnen Anbaugebiete in der Umgebung erwerben. Das Happy Valley Tea Estate hat nicht nur den Vorteil, bequem zu Fuß zu erreichen zu sein, sondern bietet auch kostenlose Führungen durch ihre Teefabrik an. Am produktionsfreien Sonntagvormittag war ich der einzige Gast, der eine persönliche Führung durch die Anlage erhielt, welche ausschließlich für Exportmärkte in Großbritannien und Deutschland produziert. Dabei lernte ich, dass der Produktionsprozess für schwarzen Tee aus drei Grundstufen besteht – der vorsichtigen Trocknung, der Oxidation (durch Pressen, Drehen und der Zufuhr frischer Luft für drei Stunden) sowie dem Rösten. Danach werden die Teeblätter nach Größen sortiert und verpackt.

High TeaEine ganze Reihe von Faktoren ist bedeutsam für den Geschmack des Tees. Dabei sind die Größen (ganz, gebrochen, Krümel oder Staub) und die Jahreszeiten (first flush, second flush, summer und autumn) nur die offensichtlichsten. Mit Qualität haben diese nämlich noch nicht in erster Linie zu tun. Diese wird vielmehr durch die Bewirtschaftungsweise, die Unterart der Teepflanze und Abstufungen im Herstellungsprozess bestimmt. Höhenlage, Sonneneinstrahlung und Beschaffenheit des Bodens beeinflussen ebenfalls den Geschmack. Daher lassen sich auch jeweils bemerkenswerte Unterschiede zwischen einzelnen Teegärten ausmachen. Grundsätzlich, so habe ich beim Probieren und Kaufen erfahren, sind first flush Darjeelingtees sehr leicht und werden daher immer ohne Milch getrunken. Herbsttees haben dahingegen häufig einen reichhaltigeren, auch etwas bitteren Geschmack, weswegen sie gern von britischen Kunden (die ihren Tee mit Milch trinken) gekauft, wie mir ein Händler verriet. So ein exklusiver Tee ist durchaus mit edlen Weinen vergleichbar (auch preislich), und ich vermeinte in dem exklusivsten Tee, den ich probierte, feine Orangennoten auszumachen.

Natürlich muss man solch einen Tee entsprechend genießen. Dafür haben die Briten den High Tea am Nachmittag eingeführt. Dazu gibt es in Darjeeling genau die richtigen viktorianischen Etablissements. In plüschigen Sofas kann man sich in britischer Wohnzimmeratmosphäre niederlassen und den Tee eines bestimmten Teegartens bestellen. Dieser wird sogleich von einem weiß gekleideten Kellner zusammen mit zwei dünnen Scheiben trockenen Fruchtkuchens serviert. Definitiv ein Erlebnis wert!

Ein wahrer Anwalt der Vereinten Nationen

Die Rollen hätten vertauscht sein sollen: Shashi Tharoor with Ban Ki-Moon, (c) UN Photo/Mark Garten

Gestern Abend hatte ich das große Glück zum Abschluss meiner Forschungszeit hier den mit Sicherheit profiliertesten Fürsprecher der Vereinten Nationen in Indien zu hören. Shashi Tharoor, ehemaliger UN-Untergeneralsekretär und indischer Außenstaatsminister. 2006 war er Indiens Kandidat für den Posten des UN-Generalsekretärs, konnte sich aber leider nicht gegen den Widerstand der USA und Chinas durchsetzen. Welch wortgewaltiges Talent den Vereinten Nationen dadurch verloren gegangen ist, konnte ich nun bei der vorgezogenen Feier des Tags der Vereinten Nationen im Büro des UN-Informationszentrums für Indien und Bhutan in Delhi persönlich erleben.
Das von den Veranstaltern gewählte Thema war „United Nations – Reform or Perish“ und gab Tharoor Gelegenheit, sich umfassend zur Reform des Sicherheitsrates zu äußern. Dabei fasste er eine Reihe von früheren Artikeln und Reden zusammen, gleichwohl die Magie nicht allein im Inhalt der Worte lag, sondern vielmehr in der sehr überzeugenden und gewinnbringenden Art und Weise der Vermittlung.
Zu Anfang legte Tharoor die bekannte Argumentation für die Notwendigkeit einer Reform des Sicherheitsrates dar, der aus mathematische, geographischen, politischen und Gleichheitsgründen nicht mehr der machtpolitischen Realität entspräche. Die lobenswerte Initiative der G4-Länder (Indien, Brasilien, Deutschland und Japan, die alle jahrelang substanzielle Beiträge in finanzieller oder personeller Form zu den Vereinten Nationen und ihren Friedensmissionen gemacht haben) werde von einigen mittelgroßen Ländern torpediert, die teilweise aus reinem Neid oder traditioneller Rivalität es diesen Kandidaten schwer machen wollten. Dazu gehören u.a. Pakistan, Italien, Argentinien und Südkorea, welche eine eigene Initiative unter dem Titel „Uniting for Consensus“ gegründet haben.
Tharoor warnte jedoch vor dieser unverantwortlichen Haltung. Wenn der Sicherheitsrat nicht in beiden Kategorien der Mitgliedschaft erweiterte werde (ständig und nicht-ständig), werde er unweigerlich an Relevanz und Akzeptanz in der Weltgemeinschaft verlieren. Alternative Governance-Mechanismen würden entstehen, wie sich bereits an der Herausbildung der G20 im makroökonomischen Bereich zeige. Dies würde jedoch nur zu einer neuerlichen oligarchischen Diplomatenkonferenz führen und die Staaten, welche die G4-Initiative ablehnen, würden damit die Diskreditierung gerade der Organisation riskieren, welche stets auch ein Schutz für ihre Sicherheit gewesen sei.
In Breite erläuterte er die hohe Hürde einer Chartaänderung, welche eine Zweidrittelmehrheit in der Generalversammlung benötig und eine Zweidrittelmehrheit aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen müssen die Änderung anschließend ratifizieren, inklusive der fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder. Könne hier nicht eine Überarbeitung der Arbeitsmethoden des Sicherheitsrats, wie sie von einer Gruppe kleiner Staaten unter dem Titel S5 vorgeschlagen wird (Liechtenstein, Schweiz, Singapur, Costa Rica und Jordanien) eine pragmatische Abhilfe schaffen, zumal eine Erklärung der Generalversammlung nicht dem Veto der fünf ständigen Sicherheitsratsmiglieder unterliege, fragte ich ihn. Konsultationsprozesse seien gut und wichtig, aber weil ein Großteil der Verhandlungen im informellen Rahmen ablaufe, sei die tatsächliche Mitgliedschaft unverzichtbar, entgegnete Tharoor.
Dabei sei Wandel in den Vereinten Nationen durchaus möglich. Allein in den knapp dreißig Jahren, in denen er dieser Organisation angehört habe, habe es Innovationen gegeben, die zum Zeitpunkt seines Eintritts niemand für möglich gehalten hätte. Dazu zähle er Menschenrechtsbeobachter, die Beobachtung und Durchführung von Wahlen, umfassende Sanktionsregime oder die Einrichtung von Sondertribunalen zur Bestrafung von Kriegesverbrechern. Reform sei also Teil des Charakters der Vereinten Nationen.
Gleichwohl die Vereinten Nationen und der UN Sicherheitsrat „unersetzbar“ seien, könne es doch zu einem massiven Bedeutungsverlust kommen. Dass der Sicherheitsrat nicht immer ein großes Ansehen genieße, liege jedoch gerade an der Höhe der Hoffnungen, die in ihn gesetzt würden. Die UN seien „das Kind und die Quelle einer besseren Welt, einer Vision, die alle Menschen teilen“. Es gebe nur diese eine einzigartig legitime und erfolgreiche Weltorganisation. Sie zu reformieren sei daher oberste Pflicht.
Gefragt ob der indische Wunsch nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat nicht fehl am Platze angesichts der überragenden innenpolitischen Probleme hinsichtlich Armutsbekämpfung, Gesundheitsproblemen und Verbesserung des Bildungssystems, gab Tharoor die Antwort des UN-Begeisterten durch und durch. Ein Land dürfe nicht allein begrenzt sein durch den kleinsten gemeinsamen Nenner seiner grundlegenden Bedürfnisse, sondern müsse gleichzeitig auch Aspirationen haben. Als die US-Amerikaner auf dem Mond gelandet seien, hätte es in vielen Städten Amerikas auch noch Armut gegeben. Nach oben zu schauen und sich um die Wirklichkeit hier unten zu kümmern sei daher kein Widerspruch, sondern passe sehr gut zusammen.
Shashi Tharoor ist sicher nicht perfekt, und wirkt auf viele Inder eher elitär, so dass man sich seine Rolle in seinem Wahlkreis (er ist jetzt einfacher Abgeordneter der Kongresspartei) nur mit Mühe vorstellen kann. Aber er vermag es in wohlgesetzten Worten mit charismatischem Gestus Menschen für sich zu gewinnen – eine der Schlüsselqualifikationen eines guten Generalsekretärs. Wenn es mehr solch passionierter Fürsprecher der Vereinten Nationen auf der ganzen Welt gäbe, bräuchten wir uns um Reform wohl keine Gedanken zu machen.

Die Macht der sozialen Konstruktion

Symbole erhalten ihre Bedeutung erst durch eine soziale Interpretation, die Zuweisung von einer bestimmten Bedeutung oder eines Bedeutungsspektrums durch dominante Diskurse in der Gesellschaft. Diese können sich kulturell stark unterscheiden, wie man hier in Indien täglich feststellen kann. Zwei Symbole, welche dem deutschen Beobachter als starke Gegensätze bekannt sind, finden sich hier im alltäglichen Gebrauch auf Autos, Gebäuden und Schildern.

Swastika an einem großen Hindutempel in Delhi.

Das Swastika, bei uns besser bekannt als Hakenkreuz der Nazis, ist ein Jahrtausende altes Symbol, das sich sowohl bei den antiken Griechen als auch im Hinduismus findet. Es wird gemeinhin mit dem elefantenköpfigen Gott Ganesha, der Hindernisse aus dem Weg räumt und damit Glück und Wohlstand bringt, in Verbindung gebracht. Als „Glücksbringer“ ist es allgegenwärtig und so normal wie ein christliches Fischsymbol oder Kreuz in Deutschland. Dass die gesellschaftliche Unkenntnis teilweise beidseitig ist, zeigten Schilder einer „German Bakery“ in Baghsu, welche mit Swastikas geschmückt waren.

German Bakery in Baghsu mit Swastika.

Welche sozialisierende Wirkung diese Praxis haben kann, beobachte ich an mir selbst. Während ich anfangs Swastikadarstellungen zwar als religiös konnotierte Symbole einordnen konnte, verstörte mich die Allgegenwärtigkeit des Symbols auf einer gewissen Ebene jedoch, bin ich doch die in Deutschland dominante Assoziation mit dem Nationalsozialismus gewohnt, wo Hakenkreuz-Darstellungen als verfassungsfeindliche Symbole verboten sind. Während ein auf eine öffentliche Wand geschmiertes Hakenkreuz in Berlin jedoch von Neonazis zeugt, gilt es hier als eine Art Segnung. Krasser könnte der Gegensatz kaum sein. In meinen anderthalb Monaten hier habe ich mich allmählich daran gewöhnt, überall Swastikas zu sehen. Unter anderen Umständen wäre ein geschnitztes oder gegossenes Swastika sogar ein passendes Mitbringsel – soweit wird es dann aber doch nicht kommen. (Hindugemeinden in Deutschland dürfen das Swastika übrigens legal benutzen.)

Letzte Zweifel bleiben jedoch. An vielen Bücherständen in der Stadt und besonders gern auch am Bahnhof wird ein zeitgenössischer „Bestseller“ mit Hakenkreuz-Bezug verkauft, Hitlers Mein Kampf. Möglicherweise assoziieren schlecht gebildete Inder letzteren mit einer sehr bekannten, historischen (und weißen) Persönlichkeit, deren Hauptwerk sicher lesenswert sein könnte. Die Tatsache, dass das Buch auf Englisch verkauft wird, was wiederum nur besser gebildete Menschen ausreichend verstehen können, spricht jedoch gegen diese Annahme. So bleibt mir der Grund der anscheinenden Beliebtheit des Buches ein Rätsel.

Das zweite, ebenfalls sehr häufig anzutreffende Symbol, ist das Hexagramm, bei uns besser bekannt als Davidsstern und Zeichen für Israel. Als ich an meinem zweiten Tag ein Auto mit einem roten Hexagramm auf der hinteren Windschutzscheibe sah, war ich gleich erstaunt, ein jüdisches Symbol zu sehen. Während die religiöse Vielfalt sehr stark ausgeprägt ist, gibt es nur ca. 5.000 Juden unter den 1,2 Milliarden Indern.

Eingang zu Humayuns Grabmal, Delhi.

Ich hatte mich jedoch zu früh gefreut. Im Hinduismus steht das Hexagramm, zusammengesetzt aus einem flachen und einem spitzen Dreieck, für den Schöpfungsakt, eine Art indisches Yin und Yang. Noch erstaunter war ich, dass das Hexagramm als schmückende Verzierung an prominenten Moghulbauten wie Homayuns Grabmal in Delhi zu sehen. Das universell bekannte Symbol des Judentums an einem muslimischen Bau in Indien aus dem 16. Jahrhundert, wie kann das sein? Anscheinend wollte Akhbar, Homayuns Sohn und Nachfolger (und Erbauer seines Grabmals), die astrologische Leidenschaft seines Vaters würdigen und damit die noch relativ junge Moghuldynastie festigen. Als astrologisches Zeichen soll das Hexagramm für eine seltene Himmelskonstellation stehen, welche als besonders ausgeglichen gilt.

Hexagramm an einem großen Hindutempel in Delhi.

Diese Konfrontation mit dem scheinbar Bekannten unterstreicht die Bedeutung des kulturellen Kontexts. Was ich hier für zwei sehr prominente Beispiele gezeigt habe, gilt natürlich auch für unzählige andere Symbole, Metaphern und Sinnzuschreibungen, im Alltag wie in der hohen Politik. Diese erhalten ihre Bedeutung erst durch soziale Zuweisung und gesellschaftliche Anerkennung bestimmter Interpretationen vor anderen. So alltagstauglich kann Sozialkonstruktivismus sein.

Eine weltweite Bewegung

Model United Nations Konferenzen sollen Menschen verbinden und der Völkerverständigung dienen. Dass gemeinsame Aktivitäten und Interessen diese Funktion erfüllen können, habe ich seit langem erleben dürfen. Am Sonntag hatte ich Gelegenheit, eine indische Model UN (MUN) Konferenz zu besuchen.

Zufällig hatte ich auf dem Campus der TERI University ein Werbeplakat für die Brainwiz Model UN Konferenz 2012 entdeckt, die sogar auf diesem Campus stattfinden sollte. Da ich letzte Woche für einige Tage in Jaipur verreist war, konnte ich nur am letzten Tag der Konferenz. Ich wollte eigentlich nur die Verhandlungen beobachten und mit den Organisatoren über ihre Konferenz, die MUN Landschaft in Indien und die Möglichkeit einer indischen UN Youth Association sprechen. Doch es sollte anders kommen.

Als ich morgens am im tiefen Süden Delhis gelegenen Campus ankam, waren gerade die Delegierten von vier (von sechs) Ausschüssen in einem Hörsaal versammelt – die Krise brach gerade aus. Die Organisatoren hatten es geschafft, den Pressesprecher der US Botschaft in Indien als „Crisis Director“ einzuladen. Als solcher hatte er sich den Plot der Krise ausgedacht und führte mehrere Briefings am Sonntag durch, praktisch als Teil des Teams, eine Rolle, die er mit großem Enthusiasmus ausführte.

Es ging um Piraterie am Horn von Afrika. Somalische Piraten hatten ein Schiff des Welternährungsprogramms mit Nahrungsmitteln für Somalia in jemenitischen Hoheitsgewässern gekapert. Daraufhin hatte die jemenitische Marine das Schiff angegriffen und die Piraten dingfest gemacht. Allerdings starben in dem Feuergefecht auch kenianische Friedenssoldaten und somalische humanitäre Helfer, die sich auf dem Schiff befunden hatten.

Keshav Gupta, der Generalsekretär von Brainwiz MUN, legte großen Wert auf die Zusammenarbeit mehrerer Gremien bei der Bewältigung der Krise. Jedes Gremium sollte die aktuelle Situation aus ihrem speziellen Mandat heraus behandeln. Der Menschenrechtsrat legte ein spezielles Augenmerk auf die Rolle der „Kinderpiraten“, minderjähriger Piraten, die Afrikanische Union diskutierte über die Übergabemodalitäten zwischen dem Jemen und der AU, die International Law Commission (ILC) beriet die Gremien zu den anstehenden rechtlichen Fragen und der erste Hauptausschuss der Generalversammlung (DISEC) übernahm in Ermangelung der Simulation des Sicherheitsrats die Koordination der internationalen Bemühungen.

Während wir uns beim Mittagessen über den aktuellen Stand der Bearbeitung der Krise unterhielten, schlug Peter (der US-Pressesprecher) vor, dass ich die Rolle Jemens übernehmen könnte und mit ich zusammen durch die vier genannten Gremien gehen könne, um diese über aktuelle Geschehnisse zu unterrichten. Wir sprachen die notwendigen „Fakten“ ab und zögerten nicht lange, um leicht an jedes Gremium angepasste Briefings nacheinander zu geben sowie Fragen zu beantworten. Mir war diese Situation aus meiner MUN-SH Erfahrung u.a. als Generalsekretär und Krisenkoordinator bestens bekannt. Ob in Kiel oder Delhi, solche spontanen Reden und Unterrichtungen funktionieren tatsächlich überall ähnlich.

Delegierte während der Verkündung des Krisenszenarios.

Die aktive Teilnahme an der MUN rief altbekannte Begeisterung und Leidenschaft in mir wach, nicht zuletzt verstärkt durch die Möglichkeit, mit einem erfahrenen US-Diplomaten an dem Krisenszenario zu arbeiten, der selbst einige Jahre für die Vereinten Nationen im Sicherheitsbereich gearbeitet hat. Die Delegierten, überwiegend Universitätsstudierende sowie einige Oberstufenschüler, waren generell sehr gut vorbereitet und ebenfalls mit Einsatzbereitschaft und großem Authentizitätsbemühen bei der Sache. Ich erinnere z.B. eine Auseinandersetzung zwischen dem iranischen Delegierten im IAEA Gouverneursrat, der auch noch eine ähnliche Barttracht wie Mahmud Ahmadinejad trug, und dem Delegierten der USA. Der iranische Delegierte, komplett in seiner Rolle, beschuldigte „unzivilisierte zionistische Agenten“ für den Diebstahl von Uranstäben aus einer Anreicherungsanlage im Iran. Diese Bezeichnung wollte der amerikanische Delegierte als „nicht-parlamentarisch“ zensierte wissen vom Gremienvorsitz, wurde jedoch trotz mehrfacher Anträge zurecht gewiesen.

So gut die Delegierten inhaltlich und von ihrem Stil her waren, so wenig legte die MUN Konferenz Wert auf die korrekte Einhaltung eines komplexen Regelwerks oder die Eigeninitiative der Delegierten. Die Organisatoren schickten beispielsweise einen Teil der ILC als Berater_innen zum Menschenrechtsrat und einen anderen Teil zur AU, ohne dass eines der Gremien solch eine Zusammenarbeit beantragt hätte. Während der Krise stellten Delegierten vor allem viele Fragen an den Gremienvorsitz bezüglich der genauen Ereignisse. Resolutionen wurden relativ schnell geschrieben und verhandelt, das Hauptaugenmerk lag auf der Debatte. Es funktionierte jedoch alles, auch ohne dass jeder Schritt im Einzelnen geregelt war.

Keshav Gupta, der Generalsekretär von Brainwiz MUN, das jetzt zum zweiten Mal stattfand mit ca. 260 Delegierten, zeigte sich sehr stolz auf sein Projekt. „Wir wählen die Delegierten und die Teammitglieder sehr sorgfältig und mit besonderem Blick für ihre MUN-Erfahrung aus“, erläuterte er. Sie hätten über 400 Bewerbungen für die Delegierten erhalten, und rund 120 für ca. 20 Gremienvorsitzende. Eine aktive indische UN Youth Association (UNYA) sei insbesondere wichtig, um die Angaben bei solchen Bewerbungen hinsichtlich der MUN-Erfahrung überprüfen zu können, meinte er. Wie auch in Europa, nehmen Organisatoren und Delegierte regelmäßig an verschiedenen Simulationen teil. Trotz des bestehenden Kontakts schien mir durchaus ein gewisses Konkurrenzdenken im Verhältnis zu anderen Konferenzen vorzuherrschen. So zeigte Keshav sich auch eher skeptisch gegenüber einer zu starken Ausbreitung von Model UN Konferenzen in Indien. Dies verwässere die Qualität, fügte er an.

Mit Organisatoren von Brainwiz MUN, rechts im Bild ist Keshav.

Zuletzt machte ich noch eine erstaunliche Entdeckung. Ein Teammitglied von Brainwiz MUN hatte während seines Studiums in Deutschland an einer MUN-Konferenz in der Nähe von Stuttgart teilgenommen, die von unserem Verein Deutsche Model United Nations (DMUN) e.V. unterstützt wurde. Er kannte tatsächlich einige DMUN-Mitglieder, die dort mitgewirkt hatten. Während die Delegierten von Brainwiz MUN alle aus Delhi und Umgebung kamen, bringt wohl jede MUN einen globalen Geist mit sich. Model UN ist und bleibt eine faszinierende Bewegung.

„One picture, please“

Wann immer ich als hellhäutiger Mensch touristische Sehenswürdigkeiten besuche, kann man praktisch fest damit rechnen, dass früher oder später indische Besucher auf mich zukommen mit der Bitte „One picture, please?“. Damit ist nicht etwa gemeint, dass ich sie mit ihrer Kamera photographieren soll – weit gefehlt! Sie wollen ein Photo mit mir, dem hellhäutigen Menschen. Schließlich bringt es Glück, hellhäutige Menschen zu kennen, und anscheinend gibt es zahlreiche Inder, vor allem aus ländlicheren Gegenden, die kaum Zugang zu Ausländern haben. Da muss man die Gelegenheit nutzen, wenn sie sich bietet. Manchmal bitte ich darum, auch ein Photo mit meiner Kamera von der Gruppe zu schießen. Hier sind ein paar Beispiele aus den letzten Wochen.

Am Wasserschloss in Jaipur

Kira mit einer Horde indischer Mädchen in Fatehpur Sikri

In Qutb Minar, Delhi

 

 

Ein Land voller Gegensätze

Auf dem Flug nach Delhi unterhielt ich mich mit einer Kollegin meines Stipendienprogramms darüber, welche jeweiligen Bilder uns in den Kopf kämen, wenn wir an Indien dächten. Ich sagte, es sei der Tumult, das Wirrwarr, das ich bereits aus Sri Lanka kannte, kombiniert mit einer schroffen Gleichzeitigkeit von erheblichen Wohlstandsunterschieden – sehr arme Bettler direkt neben glitzernden Boutiquen, um es in ein Bild zu packen. Ich hätte es kaum besser treffen können.

Slumbehausung in einem Park

Wir leben hier in einer eher durchschnittlichen Gegend, mit relativ viel Dreck, einfachen Läden, Kühen und Müll auf den Straßen. Im Alltag fahren wir mit dem lokalen Massentransport, zuerst im offenen und häufig übervollen Sammeltaxi, und dann in der unterkühlten, modernen Metro. Das Institut mit der Bibliothek, in der wir praktisch jeden Tag arbeiten, liegt in einer sehr guten Gegend, in der es nicht nur einen Golfplatz und mit Pflanzen gesäumte Straßen gibt, sondern auch viele Büros der Vereinten Nationen oder von anderen Forschungsinstitutionen. Wir haben einen Swimmingpool auf dem Dach, in dem wir mittags für eine kleine Gebühr schwimmen können, während wir danach ein sehr gutes Mittagessen direkt am Pool genießen können (das habe ich aber bisher erst einmal gemacht).

Auf dem Weg zurück zur U-Bahnstation überqueren wir stets eine Kreuzung, auf der junge Mädchen nicht älter als 12 oder 13 rote Blumen verkaufen. Dazu gestikulieren sie eindringlich und zeigen an, dass sie Geld für Essen haben wollen. An anderen U-Bahnstationen zerren kleine Jungen unter zehn Jahren an mir. Während ich vor einiger Zeit in der Haupteinkaufsgegend von Delhi am Wegrand saß und ein Sandwich aß, sahen mich solche Kinder mit ihren Hundeaugen an und wiederholten immer wieder „Chappatti“, den Namen eines Brotes, das sie haben wollten. Oder letztens auf dem Weg zu einem wohl typischen Club von Delhi, zu dem wir immerhin zu vier gequetscht im Rickshaw fuhren, bettelten Jungen an einer großen Straßenkreuzung um zehn Uhr abends. Keinen von diesen Kindern gab ich bisher etwas.

Slumsiedlung im Park

Das Weggehen steht hier in besonders großem Kontrast zu dieser Welt. Es gibt dezidierte „Expat Nights“ von Clubs, in denen weiße Ausländerinnen umsonst Getränke bekommen. Männer kommen zwar umsonst rein, müssen aber entweder ein kleines Bier für ca. 4,50 € oder ein maximal zwei Stunden gültiges Band für unbegrenztes Trinken für knapp 15 € kaufen. Wenn (männliche) Inder nicht gerade Expats mitbringen, müssen sie etwa 30 € Eintritt zahlen. In den guten Clubs in Luxushotels kann der Eintritt für alle Männer sogar bei 45-60 € liegen – ohne Getränke. Natürlich können sich diese Preise nur sehr wenige Inder leisten, auch wenn es immer noch genügend zu geben scheint. Die Clubs mit den „Expat Nights“ rühmen sich ob der weißen Ausländer. Das Schönheitsideal hier in Indien ist auch eher hellere Haut als dunkle zu haben, wie die meisten berühmten Schauspieler und Musiker. Die Expats, die man auf so einer Party trifft, sind nach meinem Eindruck eher solche, die auch zu vergleichbaren Partys in Deutschland gehen würden – wir trafen eine große Gruppe deutscher und österreichischer BWL-Studierenden, die sich darüber wunderten, dass die indischen Studierenden an ihrer Privatuni hier bisher so wenig in Europa gewesen seien und kaum Englisch untereinander sprächen.

Reich und Arm können hier sehr nah beieinander liegen. Auf der Zufahrtstraße in eines der reichsten Viertel von Dehli, Hauz Khaz, saß eine Familie im Müll und sortierte brauchbare Teile aus. Als wir mit dem Rickshaw vorbeifuhren, flog eine Horde Schmeißfliegen auf. Auch hier in der Gegend gibt es gut gesicherte Wohnhäuser, während unten auf der Straße Müllsammler ihren Tagesertrag gegen etwas Geld bei Recyclern eintauschen. Wenn man abends durch Delhi fährt, sieht man vielfach die Fahrer von Fahrradrickshaws auf oder neben ihren Gefährten schlafen. Wahrscheinlich sind sie gerade vom Land in die Stadt gekommen und versuchen auf diese Weise Geld für ihre Familie zu verdienen, die sie praktisch nie sehen. Überall schlafen Menschen auf den Gehwegen. Andere haben eine behelfsmäßige Unterkunft mit Planen unter Bäumen oder in schlecht gepflegten Parks gefunden, ohne wirkliche Wasserversorgung. In Indien leben über die Hälfte der Menschen, die weltweit keinen Zugang zu Sanitäranlagen haben. Berichten zufolge sterben deswegen täglich tausend Kinder an Durchfall in Indien, während der Einfluss auf das Wirtschaftswachstum bei gigantischen 6,4% liegen soll.

Wer diese Seite Indiens auch nur annähernd kennen lernt, versteht globale Armutsstatistiken deutlich besser und erhält den Hauch eines Gefühls dafür, was es bedeutet, dass in Indien etwa ein Drittel aller Menschen, die in absoluter Armut weltweit leben müssen (d.h. weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag nach Kaufkraftausgleich zur Verfügung haben), sind. Mehr als zwei Drittel aller Inder haben laut Weltbank nicht mehr als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung.

Geschwister bei mir In der Gegend auf der Straße

Wie kann man in solchen Gegensätzen auf Dauer existieren? Manche schaffen es wahrscheinlich durch Verdrängung oder Ignoranz, indem sie ausschließlich in klimatisieren Autos von einem gekühlten Gebäude zum nächsten fahren. Andere versuchen, den Menschen zu helfen und können sich auch an kleinen Gesten und Erfolgen erfreuen, während wiederum andere an der Ineffizienz des Systems verzweifeln. Bei einer Vortragsveranstaltung bezeichnete es ein Wissenschaftler, der für die Regierung zu Entwicklungsthemen arbeit, als Schande, dass auch 65 Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens so viele Menschen in Armut, unhygienischen Bedingungen und mit schlechter Bildung existieren. Dazu muss man aber auch anerkennen, wo Indien hergekommen ist. Allein in den letzten fünf Jahren sind fünfzig Millionen Menschen in Indien aus der absoluten Armut gehoben worden. Inklusives Wachstum, das substantiell viele Jobs im formellen Sektor generiert, bleibt jedoch ein Desideratum.

Diese Zustände, diese Menschen zu erleben kann einen nicht kalt lassen. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass auch die Armen in den Slums der Großstädte ein Leben mit Höhen und Tiefen, mit Kämpfen um Anerkennung, Identität und Bedeutung führen, das in abstrakter Weise den fundamentalen Herausforderungen vieler Menschen auf der ganzen Welt ähnelt. Sie sind nicht nur Opfer, sondern haben auch Vorlieben, Geschmäcker und Ideen. Allerdings müssen sie eine deutlich steilere Wand erklimmen, als wir es uns in Europa überhaupt vorstellen können. Diese Perspektive dürfen wir nicht vergessen. Selbst wenn man nicht ständig in diesen Gegensätzen leben muss, steht es einem gut an, jede Annehmlichkeit im Leben als Privileg und Geschenk anzuerkennen und mit Demut und Bescheidenheit auszuüben.

Durchatmen in den Bergen

Nach dem ganzen Staub und der schwülen Luft hier in der Tiefebene in und um Delhi herum wurde es Zeit, mal frische Luft zu schnappen. So fuhren wir für vier Tage an den Fuß des Himalaya, in die frühere britische Hill Station und Sommerhauptstadt Shimla und in die Zuflucht der Exiltibeter, Dharamsala.

Transport

Frühstück im Zug nach Kalka

Hier in Indien ist ja immer noch alles ein Abenteuer, so auch das Reisen von A nach B. Zu unserer ersten Station, Shimla, fuhren wir mit zwei Zügen. Im Preis des ersten Zugs (für ca. 6,60 €) war auch eine reichliche Verpflegung enthalten – schließlich fuhren wir ja in der dritten Klasse (von vier), der untersten klimatisierten. Es gab eine Tageszeitung, eine Wasserflasche, Tee (mehrfach), Kekse und warmes Frühstück mit südindischem Essen. In Kalka stiegen wir in einen ganz speziellen Zug um: für 96 km brauchte er schlappe fünf Stunden – allerdings überwandt er auch 1.400 Höhenmeter. Die Streckenführung war dementsprechend spektakulär, mit über 100 Tunneln und vielen Brücken und Blicken in die weite grüne Landschaft von Himachal Pradesh. Nicht umsonst ist die Strecke UNESCO-Weltkulturerbe.

Der „Toytrain“ von Kalka nach Shimla auf einer der vielen Brücken

Der weitere Transport von Shimla nach Dharamsala und wieder zurück nach Delhi war leider nicht genauso bequem, da wir mit dem Bus fuhren. Obgleich wir bereits die höchste Kategorie gebucht hatten, hatte der „Deluxe Bus“ von Shimla nach Dharamsala keine wirksamen Stoßdämpfer, als er die Serpentinen und unebenen Straßen runter und wieder rauf fuhr. Der Bus zurück nach Delhi war da erheblich bequemer, konnte aber auch die meiste Zeit auf gerader Strecke fahren. Sehen konnten wir nicht viel – wir fuhren jeweils nachts.

Shimla

Shimla wurde von den Briten Ende des 19. Jahrhunderts ausgebaut. Wegen der Hitze in Delhi insbesondere in den Sommermonaten verlegten sie ihre Hauptstadt auf eine Höhe von gut 2.000 Metern. Heute sind die britischen Einflüsse noch sehr sichtbar. Die Stadt ist sehr ordentlich, es gibt sogar eine Fußgängerzone, in der keine Fahrzeuge erlaubt sind, noch nicht einmal die sonst ubiquitären Auto Rickshaws. Rauchen ist komplett verboten, es liegt kaum Müll herum und öffentliche Gebäude erinnern an die ehemaligen Kolonialherren. Hier hatte dementsprechend auch der britische Vizekönig seinen Sommersitz, und in den 1930er und 1940er Jahren fanden hier wichtige Gespräche für die Unabhängigkeit Indiens statt. In der ehemaligen Residenz des Vizekönigs gab es dazu den „Partition Table“, an dem die Teilung Britisch-Indiens in Pakistan und Indien beschlossen oder zumindest besprochen worden sein soll. Passend dazu besteht der Tisch aus zwei zusammengefügten Hälften.

Sommerresidenz des Vizekönigs in Shimla

Shimla unterscheidet sich auch noch in einer weiteren Hinsicht von der lärmenden Metropole Delhi. Hier wurden wir als weiße Ausländer nicht ständig angesprochen von Leuten, die Geld von uns wollten. Wir machten eine deutlich angenehmere Erfahrung, als wir morgens auf einen Hügel stiegen, wo wir einen Hindutempel besuchen wollten. Auf dem Weg dorthin trafen wir einen vielleicht siebzehnjährigen Schuljungen, der uns in die richtige Richtung wies. Wir kamen ins Gespräch. Er bereitete sich gerade im Selbststudium auf seine alles entscheidenden Aufnahmeprüfungen für eines der prestigeträchtigen Indian Institutes of Technology vor, um dort Maschinenbau zu studieren. Durch ihn hatten wir die Gelegenheit, das Innere des kleinen Tempels zu sehen und eine Segnung entgegen zu nehmen. Als wir schon wieder auf dem Rückweg waren, lief er uns nach und lud uns auf einen Kaffee nach Hause zu seiner Familie ein.

Straßenbild in Shimla

Schwankend zwischen dem stets gewachsenen Misstrauen gegenüber Fremden in Indien und unsere Neugier, nahmen wir die Einladung gern an. Er wohnt bei seinem Onkel und seiner Tante, mit denen wir im Wohnzimmer bei Kaffee und Tee zusammen saßen. Die ordentliche und gemütlich eingerichtete Wohnung gehöre dem Staat, erfuhren wir, da Shivums Onkel für die Regierung arbeite hier in Shimla. Ursprünglich kommt er jedoch aus Kaschmir, eine wunderschöne Region Indiens, die er uns empfahl zu besuchen. An der Wand hing ein großes Photos eines Gurus, von dem Shivums Onkel uns erzählte dass er religiöse Toleranz predige: „Es spielt keine Rolle, welche Form oder welchen Namen euer Gott hat. Letztlich gibt es nur den Gott, an den wir alle glauben. Wir sind alle Kinder Gottes.“ Gastfreundschaft und ein herzliches Miteinander seien auch Werke für Gott. Jeden Tag zehn Minuten zu beten habe dazu geführt, dass er den Schöpfergott Brahman selbst gesehen habe. Obgleich diese Bemerkungen in Europa wahrscheinlich fromm und träumerisch wirken würden, schien es nichts Natürlicheres zu geben, als diesen Mittfünfziger im Unterhemd von Gott und Religion sprechen zu hören.

Am Jakhu-Tempel für Hanuman, Shimla

Später bestiegen wir noch einen ca. fünfhundert Meter höheren Hügel in Shimla, auf dem ein Tempel dem Affengott Hanuman geweiht ist. Die große orangene Statue blickt auf die Stadt herab, in der überall Affen umherlaufen. Von entgegenkommenden, westlichen Wanderern wurden wir vor den Affenhorden dort oben gewarnt, die wohl auch gern Menschen anfallen und deren Taschen klauen. Sofort liehen wir uns Stöcke, um die Affen fernzuhalten. Mit festgehaltenem Rucksack und Stock in den Händen gingen wir an den Affen vorbei, die jedoch komplett friedlich blieben.

Dharamsala/ McLeod Ganj

Straßenbild in McLeod Ganj

Nachdem bereits Shimla eine deutlich angenehmere Größe als Delhi mit seinen 15 Millionen Einwohnern gehabt hatte, tauchten wir in Dharamsala bzw. McLeod Ganj, das ca. fünfhundert Meter über der sonst bedeutungslosen Stadt Dharamsala liegt und der Sitz des Dalai Lama ist, wieder in eine neue Welt ein. Nachdem China Tibet 1950 besetzt hatte, brach 1959 ein tibetischer Aufstand aus, in deren Folge der Dalai Lama nach Indien floh und sich in der ehemaligen britischen Hill Station McLeod Ganj niederließ. Dementsprechend gibt es dort jetzt tibetische Tempel, jede Menge Mönche, die durch die Straßen laufen, und ein Museum über den tibetischen Freiheitskampf. Den Dalai Lama selbst sahen wir leider nicht, dafür jede Menge tibetische Organisationen, welche für die Unabhängigkeit Tibets kämpfen.

Im tibetischen Tempel von McLeod Ganj

Neben McLeod Ganj gibt es noch zwei weitere kleine Dörfer mit Pensionen, Hotels und normalen Häusern auf der Anhöhe, die alle fußläufig zu erreichen sind. Dort, wie auch teilweise bereits an den endlosen Ständen mit Paschminaschals, Ketten und kleinen Buddhastatuen in McLeod Ganj wirkt der Ort besonders touristisch. In manchen Vierteln sahen wir sogar mehr Weiße als Inder oder Tibeter, welche hierher kommen, um Yoga zu machen, Trommel zu spielen oder zu wandern in der herrlichen Natur der ersten Himalayakette.

German Bakery mit Swastika in Bhagsu

Insbesondere Israelis zieht es hierher, es gibt sogar Schilder auf Hebräisch. Witzigerweise gibt es dort auch eine ganze Ansammlung von „German Bakeries“, die aber eher eine Auswahl von westlichem Essen generall haben und auch eher Restaurants sind als eine Bäckerei. In einer frühstückte ich das „German Bakery Breakfast“, das z.B. aus Tee/Kaffee, Rührei, Obstsalat und einer Zimtschnecke bestand. In der sehr entspannten Atmosphäre in den netten Cafés kann man glatt vergessen, dass es sich hier eigentlich um die Zufluchtstätte von tibetischen Flüchtlingen handelt, und nicht nur einen Urlaubsort für alternative Touristen.

Am Wasserfall in Baghsu

Eine Wanderung in diesen Bergen war natürlich Pflicht, soweit es das Wetter zu ließ. Von einem alten Shiva-Tempel aus ging ein Weg ab zu einem beeindruckenden Wasserfall mit kristallklarem Bergwasser. Den Bergbach überquerten, indem wir über große Felsen kletterten und wanderten einen engen Pfad ca. 600 Höhenmeter bis zu einer Art Alm mit einem kleinen Schrein und Natursteinhäusern. Wie als Symbol der Verbindung von Tradition und Moderne wurde das Licht des Schreins mit einer Solarzelle betrieben. Der Blick von dort oben (ca. 2.400 m geschätzt) war beeindruckend, doch leider mussten wir dann auch schon wieder zurück, weil die Wolken aus dem Tal rasend schnell heraufzogen. Nach wenigen Minuten war die Sicht dahin und wir konnten kaum noch nach unten blicken – der Weg blieb jedoch glücklicherweise klar erkennbar.

Hinduschrein mit Solarzelle

Insgesamt war dies ein erholsames Wochenende mit frischer Luft und faszinierenden Ein- und Ausblicken.

„Neu“ Delhi und Gedenkstätten

Am Sonntag war ich etwas in dem von den Briten entworfenen „Neu“ Delhi unterwegs. Das ist also New Delhi im engeren Sinne. Dort sind die Straßen breiter, grüner und generell weit weniger stark frequentiert als in anderen Teilen der Stadt. Ich besuche das Regierungsviertel, die Gedenkstätten für Jawaharlal Nehru, Indira Gandhi und Mahatma Gandhi sowie zum Schluss das India Gate. Hier ein paar Bilder und Beschreibungen dieses Sonntagsausflugs.

Regierungsgebäude in Neu Delhi

Regierungsgebäude in Neu Delhi

Die Regierungsgebäude mit Parlament, Präsidentenpalast und einzelnen Ministerien sind ziemlich große Kolonialgebäude, fein erhalten und gut abgesperrt. Sie liegen überwiegend an einer zentralen Prachtstraße, ähnlich dem Champs-Élysées in Paris. Hier wird die Achse zwischen dem Präsidentenpalast auf der einen Seite, in dem früher der britische Vizekönig residierte, und dem India Gate auf der anderen Seite. Das India Gate ist ein Triumphbogen, der ähnlich wie der Arc de Triomphe an gefallene Soldaten erinnert, in diesem Fall an indische und britische Soldaten des damaligen Indien, die im Ersten Weltkrieg dort fielen.

Nehrus früherer Wohnsitz und jetziges Nehru Museum

Von dort ging es weiter zu den drei Gedenkstätten-Museen für drei wichtige politische Führer Indiens. Das Nehru-Museum ist Indiens erstem Premierminister Jawaharlal Nehru gewidmet, der Indien in die Unabhängigkeit führte. Der für seine idealistische Außenpolitik und Gründung der Blockfreienbewegung bekannte Nehru wird heute noch als einer der großen Führer der Nation verehrt, nicht zuletzt als Begründer der wichtigsten politischen Dynastie des Landes. Das Museum, das in seinem ehemaligen, sehr prächtigen Wohnsitz eingerichtet ist, scheint aber leider seit Jahrzehnten nicht aktualisiert worden zu sein. Es gibt kaum Erklärungen zu den vielen Photos und Auszügen aus Nehrus Erinnerungen an den Wänden, die sich über viele Räume ziehen. Immerhin kann man noch einige Räume (wohl) im Originalzustand sehen.

Die Glasplatte markiert die exakte Stelle, an der Indira Gandhi 1984 nach tödlichen Schüssen ihrer Bodyguards fiel.

Grundsätzlich scheint dies im Indira Gandhi Memorial Museum anders zu sein, aber leider waren die wichtigsten Abteilungen geschlossen. Hier wohnte jedenfalls Nehrus Tochter, Indira Gandhi, zusammen mit ihrer Familie, als sie Premierministerin von Indien war. Von 1975-77 hatte sie den Notstand ausgerufen und autoritär regiert, 1984 hatte sie den Aufstand nationalistischer Sikhs in deren heiliger Stadt Amritsar blutig und unsensibel bekämpft (sie hatte den heiligen Goldenen Tempel, in dem sich die Rebellen verschanzt hatten, erstürmen lassen). Kurze Zeit später wurde sie von ihren Sikh Leibwächtern erschossen. Von alldem ist allerdings im Museum nichts zu lesen. Ihr letzter Gang ist jedoch mit einer Kristalplatte ausgelegt und die genaue Stelle, an der sie fiel, mit einer Glasplatte gekennzeichnet. In dem Museum gibt es wohl eigentlich auch eine Abteilung für Indiras 1991 von tamilischen Rebellen ermordeten Sohn Rajiv Gandhi, ebenfalls früherer Premierminister. Diese war aber leider derzeit nicht zugänglich.

Friedensgong am Gandhi Museum. Schaut genau hin, welche Symbole hier Glück bringen.

Nicht verwandt, aber eng befreundet mit den Nehru-Gandhis war Mahatma Gandhi, Freiheitskämpfer und „Vater der Nation“. Ihm ist das sehenswerteste der drei Gedenkstätten-Museen gewidmet. Hier gibt es nicht nur die klassische Photoausstellung mit Zitaten, sondern auch eine moderne Multimedia-Ausstellung mit allerlei innovativen Ausstellungsmitteln. Z.B. gibt es eine Lampe, die erst angeht, wenn man zu zwei je ein Kontaktfeld auf dem Boden berührt und sich an den Händen fasst – dies soll die Verbundenheit aller Wesen ausdrücken. Zudem gibt es viel Informationen zu Gandhis Leben und Wirken.

Die letzten Schritte von Mahatma Gandhi und der Ort, an dem er erschossen wurde. Angeblich hatte er die Worte „he rama“, „der Gott“, auf den Lippen.

In dem Haus hatte er seine letzten 144 Tage verbracht, als er nach Delhi gekommen war, um soziale und religiöse Spannungen zu beruhigen. Dass er Sympathie für Muslime hatte, gefiel einigen nationalistischen Hindus jedoch gar nicht – einer von ihnen erschoss den Mahatma am 30. Januar 1948. Im Museum ist nicht nur der einfache Raum zu sehen, in dem Gandhi gelebt hat, sondern auch seine letzten Schritte und der genaue Ort, an dem er erschossen wurde. Obwohl sein letzter Tag jedoch sehr detailreich im Museum geschildert wird, werden kaum Worte auf den Attentäter verwendet. Sein Name wird nicht erwähnt und es gibt auch keine weiteren Hintergründe, was mit ihm passiert ist oder warum er die Tat begangen hat. Anscheinend will man ihm eben kein Denkmal setzen.

 

Am India Gate

Zuletzt ging es durch die sehr wohlhabende Gegend Neu Delhis, in der früher die Kolonialherren in schönen Villas an grünen Straßen wohnten, zum India Gate. Sonntag Nachmittags und Abends versammeln sich dort immer viele Inder auf den Wiesen ringsherum. Viele machen selber Photos und essen Picknick. Andere wiederum wollen einem dringend Ketten, Essen oder ihre Photos verkaufen. Dennoch ist es ein beindruckendes Mahnmal für die im Krieg Gefallenen, das auch die Opfer der Inder anerkennt.

Verantwortung und Identität – was ich hier erforsche (II)

Hier folgt der zweite Teil der Einführung in mein Forschungsvorhaben hier. Heute geht es um Indiens Position zu R2P und die Relevanz der Arbeit.

Indiens Position

Seit seiner Unabhängigkeit von der Britischen Krone 1947 hat Indien eine Reihe von Kriegen und gewalttätigen Aufständen erlebt. Die Region Südasien ist außerdem selbst von gewalttätigen Auseinandersetzungen geprägt, u.a. in Nepal, Sri Lanka und Pakistan. Während des Kalten Krieges schwang sich Indien unter der Führung seines ersten Premierministers Jawaharlal Nehru zur Führungsmacht der Entwicklungsmacht als Gründungsmitglied der Blockfreienbewegung auf (Non-Aligned Movement, NAM). Diese stützte sich auf die Prinzipien der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, den Schutz der staatlichen Souveränität in diesem Sinne und die Nichtanwendung von Gewalt. Sie wandte sich gegen als imperial und neo-kolonial empfundene Interventionen der Großmächte. Die derzeit 120 NAM-Mitglieder, die gerade ihren letzten Gipfel in Teheran abgehalten haben, halten diese Prinzipien weiterhin rhetorisch hoch.

Wie Kudrat Virk (2011) in einem Konferenzpapier jedoch hervorhebt, waren diese Prinzipien nie absolut. Der Einsatz gegen Apartheid und für die Palästinenser waren ebenfalls Elemente der traditionellen Politik der Blockfreien. Indien intervenierte zudem 1971 im damaligen Ostpakistan, dem heutigen Bangladesh, um den millionenfachen Flüchtlingsstrom in das eigene Gebiet zu stoppen. 1987-90 schickte Indien eine sogenannte Friedensmissionen nach Sri Lanka, die jedoch schnell in den Bürgerkrieg mit den Tamil Tigers (LTTE) verwickelt wurde. Im eigenen Territorium hatte Indien immer wieder mit Aufständen und Unabhängigkeitsbewegungen zu tun, u.a. in Kaschmir, im Nordosten Indiens, im Punjab sowie in zentralen Gebieten gegen die maoistischen Naxalisten. Letztere stellen laut Premierminister Singh sogar die größte Gefahr für Indiens Sicherheit heute dar.

Die Schaffung einer nationalen Einheit und Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen durch nichtstaatliche Akteure stellen für Indien also andauernde Probleme im eigenen Land dar. Nicht zuletzt deswegen war Indiens Position gegenüber militärischen Interventionen zum Schutz vor Menschenrechtsverletzungen stets skeptisch bis ablehnend. Anscheinend gehörte die indische Delegation 2005 zu den letzten Staaten, welche den Kompromiss im Abschlussdokument zu R2P schließlich akzeptierten. Dabei spielte der damalige UN-Botschafter Indiens Nirupam Sen wohl eine gewichtige Rolle bei der Formulierung dieser Position. Sarah Teitt (2012) verweist darauf, dass er wahrscheinlich das sehr kritische Konzeptpapier des damaligen Präsidenten der Generalversammlung (GV) zur ersten Debatte über R2P 2009 verfasst habe. Sen war offiziell zum Berater des GV-Präsidenten in dieser Frage ernannt worden.

Allerdings hat sich Indiens Position mittlerweile gewandelt, als kurze Zeit später Hardeep Singh Puri als neuer indischer Botschafter bei den UN akkreditiert wurde, der heute noch dort ist. In seiner Rede bei der GV-Debatte 2009 drückte er Indiens Unterstützung für das Konzept der R2P aus, gleichwohl es gegen „Missbrauch“ geschützt werden müsse und militärische Gewalt ausschließlich im Rahmen der Vereinten Nationen und nur als letztes Mittel eingesetzt werden dürfe. Diese Elemente waren auch Teil der jüngsten Rede bei der Debatte am 05. September 2012. Dort unterstrich Singh Puri, dass R2P universell angewandt werden müsse und nur für die vier Kernverbrechen relevant sein könne, während Zwangsmaßnahmen immer erst eingesetzt werden dürften, wenn friedliche Maßnahmen gescheitert seien. Er kritisierte vor allem die Umsetzung der Resolution 1973 (2011) in Bezug auf die NATO-Operation in Libyen, welche „hinsichtlich praktisch aller Aspekte verletzt worden“ sei.

Es ist also deutlich geworden, dass Indien weiterhin von großer Skepsis gegenüber militärischen Interventionen geprägt ist. Dennoch unterstützt es zumindest rhetorisch die Existenz einer Schutzverantwortung, solange friedliche Unterstützungsmaßnahmen Vorrang erhalten und die Umsetzung von Zwangsmaßnahmen kritisch beobachtet wird. Indien hat die R2P Debatten auch stets strategisch genutzt, um eine Reform des Sicherheitsrats zu fordern, welcher eine ausgeglichene Anwendung de Völkerrechts sicherstellen könne.

Warum R2P und warum Indien?

Wie wahrscheinlich durch die Eingangsausführungen deutlich geworden ist, berührt das Konzept der Schutzverantwortung grundlegende Fragen der internationalen Beziehungen. Es geht um den Schutz von Zivilisten, um die schwerwiegendsten Verbrechen des Völkerrechts, militärische Interventionen und um internationale Ordnung. Souveräne Gleichheit aller Staaten ist eines der Grundprinzipien der Vereinten Nationen und damit der internationalen Ordnung generell. Die Vorstellung, dass diese Souveränität nicht absolut gegeben ist, sondern an bestimmte Schutzpflichten geknüpft ist, findet sich zwar bereits bei Thomas Hobbes und John Locke. In der Moderne wurde dies durch internationale Menschenrechtsverträge und die Ausweitung des Völkerstrafrechts untermauert. Hinsichtlich der Durchsetzung dieser Verpflichtungen bietet R2P jedoch einen neuen Rechtfertigungsmechanismus auf globaler Ebene. Der Schutz einzelner Zivilisten vor den schlimmsten Verbrechen der Menschheit steht in der Verantwortung der gesamten internationalen Gemeinschaft – dies ermöglicht einen ganz neuen Diskurs als über den Schutz staatlicher Souveränität.

In der Verbreitung dieses Konzepts als politischer und moralischer Norm drückt sich also ein bestimmtes Verständnis der internationalen Ordnung aus. Daher kommt es sehr genau darauf an, wie genau R2P verstanden, ausgelegt und angewandt wird. Es wäre falsch, den Diskurs dazu als einen zwischen „westlichen“ und „nicht-westlichen“ Staaten allein zu betrachten, sondern es handelt sich vielmehr um einen multilinearen Prozess mit unterschiedlichen Nuancen, Interessen und Einflüssen. Hier kommt sowohl „traditionellen“ Meinungsführern Gewicht zu als auch solchen Ländern, welche als „aufstrebende Nationen“ in den internationalen Beziehungen unter wechselnden Bezeichnungen wie BRICS oder IBSA gesehen werden. Dazu gehört auch Indien.

Als stabiler Demokratie, regionaler Hegemon, aufstrebender Wirtschaftsmacht und einer der größten Truppensteller für UN-Friedensmissionen kommt Indien dabei eine wichtige Rolle zu. Zumal ist Indien traditionell stark in Internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen engagiert. Gleichzeitig sorgen die eigenen Erfahrungen der misslungenen Intervention in Sri Lanka, der verlustreichen Kriege und der schwelenden Konflikte mit nichtstaatlichen Gewaltakteuren im eigenen Land für eine grundsätzlich kritische Einstellung gegenüber äußeren Interventionen. Für ein Land, in dem die effektive Gebietsherrschaft als Definition staatlicher Souveränität stets umstritten ist, nimmt ein offeneres Verständnis von Souveränität als Verantwortung eine andere Rolle ein als für Regierungen mit (vergleichsweise) konsolidierter Herrschaftsgewalt. Wenn Indien in Zukunft noch stärker als bisher die internationale Ordnung prägen soll, wie von vielen prophezeit, dann ist ein eingehendes Verständnis seiner normativen Wurzeln und Überzeugungen sowie der möglichen Einflussfaktoren auf diese von großer Bedeutung.

Literatur

Teitt, Sarah 2012: Paper tiger of plattform for action? South Asia and the Responsibilityy to Protect, in: Knight, W. Andy /Egerton, Franz (Eds.): The Routledge Handbook of the Responsibility to Protect, London; New York, 197-215.

Virk, Kudrat 2011: India and the Responsibility to Protect, (ISA Annual Convention, Montreal, 16-19 March 2011).